Unzuverlässiges Erzählen

Beim unzuverlässigen Erzählen kann man dem was erzählt wird, in fiktionalen Texten, nicht trauen oder für wahr halten. Hier folgt ein kurzer Überblick über verschiedene Formen des unzuverlässigen Erzählens mit Beispielen.

1. Täuschend unzuverlässiges Erzählen

Definition: Ein Erzähltext ist genau dann täuschend unzuverlässig erzählt, wenn der Text seiner Leserschaft (vorübergehend) gute Gründe für falsche Annahmen über fiktive Tatsachen gibt.

Das funktioniert zum Beispiel, indem man der Leserschaft bestimmte Informationen vorenthält. In Agatha Christies Krimi „Alibi“ ist der Erzähler gleichzeitig Ermittler und Mörder. Hier wird ein wichtiges Detail der Handlung verschwiegen. Es kann nach und nach Hinweise geben oder auch erst am Ende aufgelöst werden, dass etwas ausgelassen oder gelogen wird. Man kann entweder Informationen vorenthalten oder explizit falsche Angaben machen, die sich später als unwahr herausstellen. Es gibt erstmal keine offensichtlichen Gründe das Erzählte anzuzweifeln. Meistens gehen wir davon aus, dass das Erzählte in der fikitven Welt wahr ist. Das kann auch vorkommen, wenn eine Figur lügt und man das erstmal nicht weiß.

Auch muss man Täuschungen von Ironie abgrenzen. Es wird etwas anderes gesagt als gemeint ist. Es handelt sich jedoch nicht um eine Falschangabe, da durch Signale gezeigt wird, dass etwas ironisch gemeint ist.

Ein Erzähler kann, unter anderem, auch in Bezug auf seine Ideologie, Werte oder Interpretation des Geschehens unzuverlässig sein, nicht nur in seinen Aussagen. In welcher Hinsicht und auf welche Weise getäuscht wird ist also offen und das zu bestimmen Sache der Interpretation. Wichtig ist das falsche Annahmen gemacht werden und an irgendeiner Stelle (oder mehreren) die Leserschaft merkt: Hier stimmt etwas nicht!

Man braucht keinen fiktiven Erzähler, um in einer fiktiven Welt zu täuschen. Natürlich kann auch die fiktive Figur täuschen. Es kann auch sein, dass der Erzähltext zur Vorstellung verleitet, dass eine Figur vertrauenswürdig ist, wie im Beispiel oben, im Roman „Alibi“. Der Erzähltext kann also auch ohne fiktiven Erzähler zur Vorstellung falscher Tatsachen auffordern.

Es gibt auch das unentscheidbar unzuverlässige Erzählen. Hier werden miteinander konkurrierende Sichtweisen auf einen Sachverhalt oder ein Geschehen dargestellt. Es kann Gründe geben warum eine Sichtweise, ganz oder teilweise plausibel, ist. Oder Gründe warum beide Sichtweisen teilweise plausibel sein können. Unentscheidbar ist es, wenn nicht klar ist welche Version stimmt.

2. Offen unzuverlässiges Erzählen

Definition: Ein Erzähltext ist genau dann offen unzuverlässig, wenn der Text in offensichtlicher Weise falsche Angaben über fiktive Tatsachen enthält.

Es ist unklar was in der fiktiven Welt der Fall ist. Das funktioniert auch ohne in die Irre geführt zu werden. Zum Beispiel wenn die Erzählinstanz unmündig oder unzurechnungsfähig ist. In Günther Grass´ Roman „Die Blechtrommel“ befindet sich der Erzähler in einer Psychiatrie in einem fragwürdigen geistigen Zustand, sodass dem Erzählten teilweise oder gar nicht zu trauen ist. Hier ist unklar was in der fiktiven Welt der Fall ist, aber es wird nicht offensichtlich getäuscht. Der Erzähler kann auch widersprüchliche Dinge erzählen, sodass nicht klar ist was stimmt und was nicht. Fiktive Figuren können auch, wie in der echten Welt, über einen Sachverhalt lügen oder unzureichend informiert sein oder Erinnerungslücken haben. Ein weiteres Beispiel ist der Protagonist K. aus Kafkas Erzählung „Das Schloss“. Er scheint über seine wahren Motive und seine Vergangenheit offensichtlich zu täuschen.

Sowohl beim täuschend als auch beim offen unzuverlässigen Erzählen werden falsche oder fragwürdige Angaben über fiktive Tatsachen gemacht. Nur beim täuschenden Erzählen wird man in die Irre geleitet, die Angaben sind also nicht offensichtlich falsch. Eine Textstelle kann entweder täuschend oder offen unzuverlässig erzählt sein, beides gleichzeitig geht nicht. Es ist Sache der Interpretation wie offen unzuverlässig das Erzählte ist. Es kann Zweifelsfälle und Unsicherheiten geben. Die Meinungen können und dürfen auseinander gehen.

3. Axiologisch unzuverlässiges Erzählen

Definition: Der fiktive Erzähler eines fiktionalen Erzähltextes ist genau dann axiologisch unzuverlässig, wenn seine Wertauffassungen den durch den Text im Ganzen ausgedrückten Werauffassungen nicht entsprechen.

Für diese Art braucht man eine fiktive Erzählinstanz. Hier werden nicht Beschreibungen einer fiktiven Welt mit dem verglichen was in dieser Welt tatsächlich der Fall ist. Wichtig sind die Normen und Werte der Erzählfigur, also was diese für (moralisch) gut, richtig, erstrebenswert hält. Diese werden mit den Normen des Werkes verglichen, also was der Text für gut und richtig hält. Ein Beispiel: Im Roman „Lolita“ ist die Hauptfigur Humbert Humbert pädophil und versucht zu rechtfertigen dies auszuleben. Das Buch an sich versucht dieses Verhalten aber nicht zu rechtfertigen oder zu propagieren. Das Buch wirft also eine kritische Sicht auf das Verhalten seiner Hauptfigur. Es scheint also, dass die Werte des Buches Hinweise auf die Werte des Autors oder Autorin geben. Es muss sich aber nicht um die tatsächlichen Werte der Autorperson handeln.


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