Schatten

Betrachten wir meinen liebsten Charaktertypen: Der Schatten (auch bekannt als Gestaltwandler) ist kein Mensch, der sich in ein Tier verwandeln kann, sondern ein besonders vielfältiger Charakter. Oft denken Lesende dieser Charakter wäre besonders einzigartig – und das ist er. Jeder Charakter ist einzigartig. Nur in den Typen gleichen sie sich.

Bekannte Vertreter des Schatten-Charakters sind Loki aus dem Marvel-Universum, Snape aus Harry Potter oder auch John Murphy aus The 100.

Schatten-Charaktere sind Einzelkämpfer, überdurchschnittlich intelligent und meist noch in anderen Bereichen außerordentlich talentiert. Sie gehören weder zu „den Guten“ noch zu „den Bösen“. Sie sind nicht grundlegend gut oder schlecht und schließen sich keinem Anführer an – oder wenn, nur weil es ihren eigenen Zielen dient. Sie sind Egoisten, die sich nur um sich selbst kümmern – und das hält sie am Leben.

Vielleicht hast du schonmal den Satz „Man sollte nie einem Überlebenden vertrauen, bis man weiß, was derjenige getan hat, um zu überleben“ gehört. Schatten-Charaktere sind solche Überlebenden. Sie scheren sich nicht um Regeln oder Gesetze, solange sie diese nicht zu ihrem Vorteil ausnutzen können. Das sorgt dafür, dass sie oft kriminell und nicht selten auf der Flucht sind oder versteckt leben.

Meist haben sie eine schwierige Kindheit hinter sich, aus der sie sich im später Teenageralter befreien – oder befreit werden – und das in der Regel gewaltsam. Von diesem Moment an schlägt sich ein Schatten-Charakter allein durch. Das fällt ihnen leichter als den meisten anderen Menschen – weil sie auch in ihrer Kindheit allein zurechtkommen mussten. Sie werden früh emotional allein gelassen, was Folgen hat.

Ihre Erfahrungen machen sie hart und emotional unerreichbar. Sie gehen geschäftliche Beziehungen ein, aber keine Freundschaften. Häufig gehen sie auch keine romantischen Beziehungen ein. Wenn sie eine romantische Beziehung eingehen, dann mit jemandem, der ihre Lebenssituation nachvollziehen kann. Oft bedeutet dies allerdings das Ende ihres Schatten-Daseins.

Interessant an den Schatten-Charakteren ist, dass sie ein übergeordnetes Ziel verfolgen. Das kann alles Mögliche sein von Rache über Wiedergutmachung bis hin zum Schutz einer bestimmten Person. Manche wollen sich einfach nur beweisen. Hinter diesem Ziel ist alles andere untergeordnet, was ein weiterer Grund dafür ist, dass sie keine stabilen Beziehungen aufbauen können. Sie bilden keine (neue) Loyalität aus und haben kein Interesse daran, den Anweisungen eines anderen zu folgen (es sei den es nützt ihrem Ziel). Genauso wenig sind sie daran interessiert, gemocht zu werden. Es ist ihnen egal, was anderen von ihnen halten.

Schatten-Charaktere wären damit die perfekten Antagonisten – nur dass sie (im Großteil der Fälle) weder Interesse an der Weltherrschaft noch an einem Gefolge haben. Wenn man ihnen das anbieten würde, würden sie sich vermutlich angewidert schnellstmöglich aus dem Staub machen. Wie der Name schon sagt: Schatten-Charaktere fühlen sich im Schatten am wohlsten. In seltenen Fällen kann ein Schatten-Charakter zu einem Antagonisten werden oder umgekehrt (Loki aus Marvel).

Das Leben als Schatten-Charakter hat allerdings einen großen Haken: Sie werden nicht besonders alt. Entweder sie sterben oder sie geben ihren Lebensstil auf. Das kann verschiedene Gründe haben. Oft hängt es mit ihrem übergeordneten Ziel zusammen. Entweder sie geben es auf, sie erreichen es oder sie sterben bei dem Versuch es zu erreichen.

Schatten-Charaktere eignen sich nicht als Protagonisten, da dieser Charakter-Typ davon lebt, dass Lesende nicht viel über ihn wissen. Er taucht in der Geschichte auf und verschwindet genauso schnell auch wieder und das mehrfach, sodass Lesende mit der Zeit mehr und mehr über ihn erfahren. Gegen Ende der Geschichte (der Buchs, der Reihe) wird aufgelöst, was diesen Charakter antreibt – der Schatten-Charakter erreicht sein Ziel oder gibt es auf. Oder er stirbt, nicht selten, weil er sich opfert, um sein Ziel zu erreichen.

Mit ihrem einzigartigen Auftreten eignen sich Schatten sehr gut als Schlüsselcharaktere. Sie verfügen über viel persönliche Macht, ein großes Informationsnetzwerk und eine losgelöste Position mit Distanz zum Protagonisten. Wenn du es richtig anstellst, werden deine Leser bis zum Ende nicht wissen, wofür dein Schatten-Charakter sich entscheiden wird oder ob man ihm vertrauen kann.